Marburg. Am 14. Januar 2015 ist es soweit! In Zusammenarbeit mit dem Chor der Kurhessischen Kantorei führen Marburger Jugendliche das Musical „Woodvalley Story,…your Story?“ in der Waggonhalle auf. Es ist eine Produktion, die Grenzen überschreitet – in mehreren Hinsichten. Geleitet wird das Projekt insbesondere von Joana und Joschi Tischkau. Die Geschwister sprachen unter anderem über die praktische Projektarbeit und den Wert der Hip-Hop-Kultur für die Jugendlichen im Waldtal.

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Zunächst einmal die vielleicht offensichtlichste Frage zu Anfang: Ist das Musical eine Neuauflage von „Westside Story“?

Joana (lacht): Nein, der Titel „Woodvalley Story,…your Story?“ wurde entschieden, als vor zwei Jahren den Antrag für die Mittel zur Projektfinanzierung an das Bundesministerium für Bildung und Forschung gestellt haben. Der Titel gefiel uns einfach. Die Anlehnung an „Westside Story“ bezieht sich nur auf die Tatsache, dass es sich um ein Musical handelt. Mit der Handlung des vielleicht bekanntesten Musicals überhaupt hat unsere Geschichte nichts zu tun. Mittlerweile haben die Jugendlichen den Titel übrigens zu „HipHop Tag und Nacht – wie ein Headspin alles auf den Kopf stellte“ geändert.

Darauf würde ich später gerne noch eingehen. Was genau soll der Zusatz „your Story?“ ausdrücken? Wen sprecht Ihr damit an?

Joana: Die Frage geht an die Jugendlichen in Marburg – besonders an die Jugend im Waldtal. Sie sollen im Fokus stehen. Welche Geschichten haben sie erlebt? Welche Geschichten möchten sie erzählen? Was ist für sie das Waldtal, und inwiefern hat es sie geprägt? Können sie sich mit dem Stadtteil identifizieren? Das sind ein paar der essenziellen Fragen, die der Titel transportieren soll.

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Kann man denn mit so jungen Leuten ein Musical auf die Beine stelle?

Joschi: Das ist eine Frage des Engagements und des Talents, nicht des Alters! Ich denke beides ist bei den Jugendlichen vorhanden.

Joana: Es haben ja einige, die mitmachen, schon Bühnenerfahrung. Gerade diejenigen, die bei „Woodvalley Movement“ mit von der Partie sind. Aber es sind natürlich zwei Paar Schuhe ob man auf die Bühne kommt und einige Songs singt oder ob man mit einem Song Teil einer Geschichte ist und dazu auch noch schauspielern muss. Da muss man schon über seine bisherigen Grenzen hinaus gehen geht schon über die künstlerischen Grenzen, Aber wir sind zuversichtlich, dass das bei der Premiere im Januar gut funktionieren wird.

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Ohne der Story des Musicals vorweg zu greifen; was sind konkrete Themen, die eine Rolle spielen?

Joschi: Wir hatten es ja gerade von Grenzen. Als die Jugendlichen die Story ausgearbeitet haben, haben Joana und ich folgendes bemerkt: Ein ganz großer Punkt ist, dass sie den Hass ad absurdum führen wollen – Hass von Menschen auf fremde Kulturen oder auf fremde Nationalitäten. Sie wollen die irrationale Differenzierung zwischen Menschen aufgrund von Stereotypen entlarven. Im Musical ist es nicht die Hautfarbe oder die Religion, die die Menschen auseinander dividiert, sondern die Uhrzeit, zu der sie Mensch geboren wurden. Dieses eigentlich absolut banale Moment beschwört im Musical Hass zwischen Menschen herauf.

Joana: Ich denke, dass es die Themen sind, mit denen sich die meisten Heranwachsenden konfrontiert sehen, die in sogenannten sozialen Brennpunkten aufgewachsen sind – Ausgrenzung, Diskriminierung. Ich glaube auch, dass das der Grund ist, warum Hip-Hop-Musik auch das Herzstück des Musicals. Es ist Musik, die aus den sozialen Brennpunkten stammt und häufig Ausgrenzung als auch Diskriminierung anprangert.

Joana, Du hast gerade „Diskriminierung“ angesprochen. Hip-Hop und Rap haben ja einen eher schlechten Ruf in den Medien und sind sicher kein „Unschuldslamm“. Viele assoziieren mit der Musik Drogenkonsum, Waffengewalt und Sexismus. Wie passt das mit dem Musical zusammen?

Joana: Gar nicht! Diese von Dir genannten Aspekte des sogenannten „Gangster Rap“ kommen nicht vor. Das Musical dreht sich eben auch um die Entkräftung von Stigmata des Hip-Hop. Die Kids haben aber von Anfang an deutlich gemacht, dass diese Aspekte nichts mit dem zu tun haben, was sie unter Hip-Hop verstehen. Ihnen liegt es am Herzen zu zeigen, dass es in dieser Kultur sehr viel positive Aspekte gibt.

Und die wären?

Joana: Mir haben einige der Teilnehmer gesagt, dass Hip-Hop für sie ein Grenzen überschreitendes Kommunikationsmedium ist. Ebenso sei es ein Überbegriff, der Werte wie Gemeinschaftdenken, Respekt sowie Toleranz umfasst.

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Joschi: Eine der ersten Assoziationen, die die Teilnehmer mit Hip-Hop genannt haben, war soziale Ungerechtigkeit. Wenn man aus dem Waldtal kommt, dann ist Sozialkritik natürlich ein naheliegendes Thema. Ich habe in den letzten Jahren beobachtet, dass das Schreiben von Hip-Hop-Texten viel bei einem jungen Menschen bewirken kann. Bei manchen führt es zu einem Sortieren der Gedanken, bei anderen dient es der Frustbewältigung. Irgendetwas wird fast immer angestoßen.

Wenn man einen langjährigen Marburger Oberstädter fragen würde, wo in Marburg das „Ghetto“ ist, dann würde er als erstes das Waldtal nennen. Ist es denn so prekär hier?

Joschi: Das Waldtal lebt von seinem Ruf von vor mehr als zehn Jahren. Natürlich ist es im Vergleich zu anderen Stadtteilen „sozial schwach“, wie man heute so schön sagt. Vor ein paar Tagen habe ich mir zufällig Zeitungsartikel von der Lokalpresse angeguckt, die vor gut zehn Jahren veröffentlicht worden sind. Die Medien kamen fast nur, wenn jemand verprügelt oder bedroht wurde. Es wurde absolut tendenziös berichtet. Wenn der Rest der Stadt das gelesen hat, dann ist der heute noch schlechte Ruf kein Wunder.

Da kann doch ein solches Musical helfen!

Joschi: Genau! Wir wollen unter anderem mit diesem Musical zeigen, dass dieser Stadtteil was zu bieten hat. Dass hier junge und talentierte Menschen leben. Dass hier Menschen leben, die künstlerisches Können sowie Kreativität besitzen. Deswegen basiert die Geschichte auch zum Großteil auf den Gedanken der Kids im Waldtal. Wir erhoffen uns, dass möglichst viele Marburger sehen, dass das Waldtal mehr ist als ein „sozialer Brennpunkt“.

Joana: Joschi und ich haben eigentlich versucht, uns immer zurückzuhalten. Die Story wurde in erster Linie von den Jugendlichen konzipiert. Auch die Musiktexte wurden größtenteils selber verfasst. Natürlich werden die dann mit den Betreuern nochmal durchgegangen, aber wie Joschi gesagt hat: Die Kids sind der Motor!

Ich denke, dass die vielen Musik-Workshops die musikalische Entwicklung der Jugendlichen, die ohnehin einiges an Talent mitgebracht haben, noch einmal beschleunigt hat. Das Sankt Martin Haus hier im Waldtal ist dabei Dreh- und Angelpunkt. So ein Musical ist natürlich auch ein musikalischer Gradmesser für das eigene Können.

von Benjamin Kaiser

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